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Sansibar, da wo der Pfeffer wächst

Auf der Landkarte der Sehnsucht ist diese Insel ganz groß verzeichnet. Wer den Namen hört, träumt von weißen Stränden, Palmen und 1001 Nacht. Noch schöner als träumen ist: Hinfahren!

Am buntesten ist Sansibar bei Ebbe. Dann zieht sich der türkisblaue Ozean zurück und gibt die Bühne frei für die Frauen in ihren leuchtend bunten Gewändern. Sie kommen in kleinen Gruppen und waten zu viert oder fünft nebeneinander durch das knöcheltiefe Wasser. Wenn sie sich nach dem Seegras bücken, flattern ihre Kleider in der Brise wie Schmetterlingsschwärme. Am Horizont tanzen ein paar Fischerboote mit den Wolken um die Wette, vorn am Strand wiegen sich sattgrüne Kokospalmen im Wind. Und in der Ferne macht ein Massai einer hummerroten Engländerin den Hof.

Nach ein paar Stunden schwappt der Indische Ozean wieder heran. Wenn das Wasser die Algen überschwemmt hat, schultern die Frauen ihre Ernte und machen sich auf den Heimweg. Und hinten versinkt die Sonne als Feuerball im Meer. Wenn es ein Paradies gibt für die Augen, dann ist es Sansibar.

Bis 1890 deutsche Kolonie

Schon der Name löst tiefes Fernweh aus. Das könnte an dem Jungen aus Rerik liegen, den Alfred Andersch 1957 auf die Suche nach dem letzten Grund geschickt hat. Der Junge will weg von jenem düsteren Ort an der Ostsee, und mit ihm träumen sich seit 50 Jahren unzählige Schüler im Deutschunterricht an die langen weißen Strände von Sansibar – ohne je gewusst zu haben, wo das Eiland liegt.

Dort, im Vorzimmer von Afrika, florierte bis vor rund 110 Jahren auf den Gewürznelken- und Pfefferplantagen noch die Sklaverei. Offiziell war Sansibar beherrscht von den Sultanen aus Oman, doch deutsche und britische Kolonialherren hatten sich auf der Insel breitgemacht und ließen für sich arbeiten. 1890 gaben die Deutschen Gebietsansprüche auf das fruchtbare Sultanat ab – und bekamen als Trostpreis einen kargen Nordseefelsen namens Helgoland. Erst ein Dreivierteljahrhundert später eroberten die Sansibarer ihre Autonomie zurück. 1964 verjagten sie die letzten Sultane von der Insel, liierten sich mit Tanganjika, dem ehemaligen Deutsch-Ostafrika, und verpassten ihrem Land den schicken Namen Tansania.

Insel der Händler

“In unserer Erde wächst und gedeiht alles, was du hineinsteckst”, sagt Sissu. Kurz hinter dem Örtchen Bububu lehnt er lässig an einem Baum und zerreibt den Reichtum Sansibars zwischen seinen Fingern. “Djambo, kommen Sie auf meine Gewürzplantage”, hat er gerufen, als er plötzlich wie aus dem Nichts vor dem Auto auftauchte. Jetzt zählt er die Berühmtheiten der Insel auf. “Roter Pfeffer, weißer Pfeffer, grüner Pfeffer, schwarzer Pfeffer.” Wobei schwarzer Pfeffer nichts anderes ist als getrockneter grüner Pfeffer und weißer Pfeffer das Gleiche ist wie roter Pfeffer, nur ohne Schale und Fruchtfleisch. “Und hier trocknen wir die Gewürznelken”, sagt Sissu und hüpft leichtfüßig auf ein schmales Brett über dem Straßengraben. Auf Tüchern liegen neben dem Asphalt rote Knospen ausgebreitet, die darauf warten, dass ihnen die Sonne Feuchtigkeit und Farbe entzieht.

Während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammten rund 90 Prozent der weltweit verkauften Gewürznelken von Sansibar und ihrer Schwesterinsel Pemba. Dabei profitierte Sansibar von den günstigen Winden: der “Kazkazi”, ein Nordostwind, blies die Segelboote der Kundschaft aus dem Oman und anderen arabischen Staaten zwischen Oktober und März nach Sansibar. Dort hatten sie ein halbes Jahr Zeit, um ihre Geschäfte zu erledigen: Nelken, Kardamom, Pfeffer, Ingwer und Muskatnuss wogen fast so schwer wie Gold. Im Gegenzug verkauften die Araber und Perser auf der Insel Porzellan und Seide. Es wurde gekauft, getauscht und mit Sklaven gehandelt – bis der Wind drehte und seinen Namen wechselte: Der “Kuzi” brachte die voll beladenen Dhauen wieder zurück in den Heimathafen.

Noch immer handeln die Sansibarer mit den schwarzen Sternen. 5000 Tansanische Schilling, etwa fünf Euro, bringt ein Kilo Gewürznelken auf dem Markt in Stone Town. “In Kenia würdest du das Dreifache dafür kriegen”, sagt Sissu bedauernd. Aber die Regierung kontrolliert den Export, wer sich bei eigenen Geschäften erwischen lässt, wandert in den Knast.

  Einst glänzten in Stone Town die Paläste aus 1001 Nacht - Sklavenhandel und Gewürze waren die Grundlage des Reichtums. Heute gehört die Stadt zum Unesco Welterbe.

Einst glänzten in Stone Town die Paläste aus 1001 Nacht – Sklavenhandel und Gewürze waren die Grundlage des Reichtums. Heute gehört die Stadt zum Unesco Welterbe.

Das House of Wonders in Stone Town

Lange Zeit war die Gewürzinsel der Geheimtipp für erholungsbedürftige Upperclass-Touristen, die sich nach ihren wilden Safari-Erlebnissen noch ein paar Tage lang von der Sonne braten ließen. Doch inzwischen schießt fast jeden Monat eine neue Ferienanlage an einem der endlosen Strände aus dem Boden.

In der Hauptstadt leben die meisten der rund eine Million Inselbewohner. In der Steinstadt glänzten einst die Paläste aus 1001 Nacht. Doch von der Pracht ist nicht viel übrig geblieben, auch wenn die Stadt 2000 zum Welterbe ernannt wurde. Das House of Wonders beispielsweise, im Jahr 1883 erbaut und ganzer Stolz von Sultan Seyyid Bargash, ist heute nicht mehr als ein Sammelsurium von schlecht erhaltenem Epochenramsch. Vor 120 Jahren allerdings schwärmte man von dem Schmuckstück weit über die Grenzen des Landes hinaus. Durch das Tor passt mühelos ein Elefant, das Innere hatte der Sultan mit dem gesamten Hightech-Arsenal des 19. Jahrhunderts aufgehübscht. Zum ersten Mal flossen Wasser und Strom wie durch Zauberei aus der Wand, es gab eine Klospülung, und den beschwerlichen Weg in den dritten Stock übernahm ein Fahrstuhl.

Wo Freddie Mercury die Kinderheit verbrachte

Das Erbe Bargashs hat gelitten, und auch das Kinderzimmer von Freddie Mercury ist nicht mehr ganz das alte. 1946 hat Mercury alias Farrokh Bulsara auf Sansibar das Licht der Welt erblickt. Er verbrachte seine Kindheit in den verwinkelten Gassen von Stone Town und blickte sehnsüchtig aufs Meer hinaus, bevor ihn seine Eltern zwecks höherer Bildung auf eine Schule nach Indien schickten. In der “Bohemian Rhapsody” erinnert sich der Queen-Sänger an seine arabischen Wurzeln, doch in seinem Geburtshaus zeugen nur noch ein paar kitschige T-Shirts und Baseballkappen von dem früheren Bewohner. Und auch auf die Gesetze hatten Mercurys Erfolge keinen Einfluss: “Homosexualität wird auf Sansibar mit Gefängnis bestraft”, sagt Mohamed.

Mohamed, 23, der durch das Gassengewirr der Altstadt leitet, hat einen ganz eigenen Führungsstil. Er schlägt Haken nach links und rechts, vorbei an spielenden Kindern und schwatzenden Alten. Schon nach wenigen Metern ist die Orientierung futsch. Erst das aufgeregte Gegacker der Hühner bringt wieder Ortskenntnis: Hier muss der Markt sein, wo täglich frisch vor den Augen der Käufer geschlachtet wird. In den Auslagen nebenan türmen sich Ananas und Affenbrote, es riecht nach Nelken, Zimt und Fisch.

Auf Marktour mit Mohamed

Der nächste Markt, zu dem Mohamed uns führt, ist seit einem Jahrhundert geschlossen. Zwei Meter unter der Erde ist die Luft schlecht und das Licht schummrig, der Raum nicht größer als drei Tischtennisplatten. Jeweils 75 Menschen warteten hier zusammengepfercht auf ihre Versteigerung. 27.000 Sklaven, sagt Mohamed, wurden auf diesem größten Sklavenmarkt Ostafrikas pro Jahr versteigert.

Wenn die Sonne nicht mehr ganz so heiß brennt, versammelt sich die Jugend am Strand von Stone Town. Die Kleinsten bringen sich mit einem Gürtel aus leeren Plastikflaschen das Schwimmen bei, die Größeren stürzen sich mit wilden Sprüngen von der Mole ins Meer. Und die weißen Besucher schlürfen ermattet ihren Sundowner im Africa House. Von dort hat man einen wunderbaren Blick über die Dhauen, mit denen die Sansibarer auf großen Fang hinausfahren. Und auf Prison Island, wo früher die Gefangenen und heute die Riesenschildkröten lebenslänglich ausharren.

Sansibar

Auf dem Markt in Stone Town: ein buntes Angebot von Früchten, Gemüsen und Gewürzen.

Einmal Pizza aus Sansibar?

In Forodhanis Garten an der Mole brennen jetzt Petroleumlampen, der Geruch von Gegrilltem hängt in der Luft: Riesengarnelen und Schwertfische, Maiskolben und Fleischstücke, alles wird aufgespießt, gegrillt und ein paar Minuten später heiß auf die Hand serviert. “Djambo, wollen Sie sansibarische Pizza probieren?”, fragt ein dicker Verkäufer. Ohne auf Antwort zu warten, hat er schon den dünnen Teigfladen auf dem Blech ausgebreitet. Darauf verteilt er Tomaten, Lauch und Hackfleisch, vermengt mit Mayonnaise und garniert mit einem Ei. “Meine Pizza ist bis nach Kenia berühmt”, sagt er – und lacht, weil seinem Gegenüber kurz die Luft weggeblieben ist. Das Grüne war wohl doch kein Lauch, sondern eine Chilischote.

Wer Probleme mit brennenden Speiseröhren und schmerzenden Körperteilen hat, besucht am besten Suleiman Haji. Der Doktor trägt einen lila-gelb karierten Rock, auf dem einen Auge ist er blind, und durch das Loch in seinem linken Ohr kann man den Strand von Jambiani sehen. Haji kann den Menschen helfen, ohne sie aufzuschneiden. Von überallher kommen die Patienten zu ihm, er behandelt sie mit Blättern, Wurzeln und Kräutern, die auf der Insel wachsen. Er weiß, wie man Infektionen stoppt und die Wehen erträglich macht. Er kann hustenden Kindern helfen und schlaffen Männern. “Ihr habt Viagra, wir nehmen Karambula”, sagt Haji. Wenn die Patienten nicht genügend Geld für die Behandlung haben, heilt er sie gratis. Manchmal wird er auch mit einem Huhn bezahlt.

Wasserbüffel, Affen und Delfine

Tiere scheinen auf Sansibar so gut wie Gewürze zu gedeihen: Im Jozani-Wald toben über 2000 rote Colobus-Affen durch die Wipfel. Abseits der Hauptstraßen grasen kräftige Wasserbüffel, die Hühner stolzieren im Familienverband über die Straßen, und ganz im Süden jagen Delfinschwärme in Küstennähe unter der Nachmittagssonne die Fische.

Tagsüber sind die Straßen von Menschen gesäumt: Männer, die dicke Bananenstauden auf ihren klapprigen Fahrrädern nach Hause schaukeln. Frauen, die mit ihren leuchtend gelben Kanistern an die Wasserstellen laufen. Und dazwischen rennende Kinder, hinkende Alte und fliegende Händler auf Mofas, die ihre Stoffe unters Volk bringen. Wenn die Nacht über Sansibar fällt, lernt man auch die anderen, die verborgenen Wege der Insel kennen, denn dann ist man auf die Landkarte angewiesen – breit eingezeichnete Wege stellen sich als steinige Holperpfade heraus.

Nach 20 Minuten kreuzt endlich ein Sansibarer auf. Er ist steinalt, aber er versteht das Anliegen: Nach Nungwi im Norden wolle man, kein Problem, Hakuna Matata. Immer geradeaus, der Mond leitet euch, Djambo. Dass er seinen Vortrag auf Suaheli gehalten hat, fällt einem erst auf, als die Nacht längst wieder die Konturen des Alten verschluckt hat – eine halbe Stunde später taucht die von ihm beschriebene Tankstelle vor der Windschutzscheibe auf. Im Paradies sind selbst fremde Sprachen offenbar nicht mehr so unverständlich.

Von Stéphanie Souron

Quelle: http://www.stern.de/

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